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15.02.2004

 

Daheim ist halt daheim

Die meisten Menschen wollen ihre letzte Lebensphase nicht im Krankenhaus, sondern im Kreis der Familie - und das beschwerdefrei - zubringen. Das Tübinger Projekt Häusliche Betreuung Schwer-kranker macht das möglich.

Kurt Kehle ist kein Mann dramatischer Selbstinszenierung. Im Moment lebt er mit Flüssigkeitsinfusion und einer Spritzenpumpe, die seinem Körper über eine am Bauch befestigte Injektionsnadel kontinuierlich Medikamente zuführt. Sein Bett ist ein Pflegebett und das Rumlaufen ist mühsam. Viel Aufhebens macht er darum nicht. An manchen Tagen geht es ihm schlechter als an anderen. Basta. Letzten Sommer war der 72-Jährige mit fünf seiner Enkel zum Klettern in den Bergen. "Aber mehr als Aufpasser", sagt er und winkt ab. Nicht zu hoch hängen, sagt die Geste. Auch wenn es wahrscheinlich der letzte Familienurlaub dieser Art war.
Die Fotografien, die im Hausflur hängen, zeugen von der Leidenschaft Kehles für den Alpinsport. Im Sommer ist er auf die Berge gestiegen oder geklettert, im Winter stand er auf der Piste. Oder hat lange Jahre im französischen Al'pe de Huez organisiert, dass stündlich Tausende von Touristen von der Talstation in die Berge transportiert worden sind. Das hieß garstig früh um fünf Uhr anzufangen und um 23 Uhr erst wieder aufzuhören. Von Dezember bis Mai. Das brauchte den ganzen Mann.
Kehles Statur gibt noch heute einen Hinweis, dass er einer war, der hingelangt hat, wenn es nötig war. Ein Macher, ein Umtriebiger, der die Dinge nicht einfach treiben lässt, sondern selbst gerne deren Lauf beeinflusst. Besonders, wenn es um sein Leben geht. Und um dessen vielleicht letzte Phase.
Denn Kurt Kehle geht es nicht gut. Mittlerweile kostet es ihn schon viel Kraft, im Sessel sitzend Besuch zu empfangen. Schweißperlen, die von der Anstrengung zeugen, stehen ihm dann auf der Stirn. Aber es ging ihm noch viel schlechter in den Wochen vor Weihnachten. Immer wieder hat er in den letzten Jahren geglaubt, "dass die Krankheit vorbei ist". Denn das Leben ist nicht gerecht, nimmt keine Rücksicht auf die Lebensplanung des Einzelnen. Drei Tage nachdem er in Rente gegangen war, bekam Kehle die Diagnose: Krebs.
Er richtete sein Leben danach - und gab ein bisschen Hoheit über das eigene Sein auf. Kurt Kehle versuchte, sich durch sein Engagement beim Deutschen Alpenverein mit anderen Gedanken und Aktivitäten abzulenken. Ließ Hormon- und Chemotherapie sowie komplizierte Operationen über sich ergehen, fasste immer wieder Mut und fand sich letzten Dezember doch im Krankenhaus wieder. Obwohl "daheim zu sein das Allerwichtigste ist". Heißt das doch, Herr über das eigene Leben zu sein.
Doch seine Lebensgefährtin war Ende letzten Jahres in heller Sorge um ihn: "Er konnte kein Essen und keine Flüssigkeit bei sich behalten. Ich hatte Angst, dass er verhungert", sagt Waltraud Ziegler. Sie wusste sich nicht anders zu helfen, als Kehle zum Gang in die Klinik zu überreden. Im Tübinger Paul-Lechler-Krankenhaus, wo man sich seit den 70er Jahren vieler Patienten mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen annimmt, linderte man seine Schmerzen und bekämpfte die Übelkeit. Und gleichzeitig erfüllte man ihm kurz vor Weihnachten auch seinen dringendsten Wunsch, den, wieder zu Hause zu sein.
"Daheim ist halt daheim", sagt Kehle vom Ohrensessel und erzählt, während West-Highlander Struppie zu seinen Füßen schnarcht, von den kleinen Etappensiegen über das vermeintlich Unmögliche. Zum Beispiel, dass er jetzt jeden Morgen wieder zwei Brezeln essen könne und dazu Kaffee trinke. Das kann man als Nebensächlichkeit abtun. Man kann es aber auch als ein wichtiges Stückchen Freiheit und Lebensfreude sehen, das Kurt Kehle seiner Krankheit abgetrotzt hat.
Einer seiner Helfer dabei ist der Internist Thomas Schlunk. Er ist Oberarzt am Paul-Lechler-Krankenhaus und beratender Arzt des Tübinger Projekts "Häusliche Betreuung Schwerkranker". Seit 1991 gibt es diese Einrichtung, die zusammenführt, was nicht so recht in ein Abrechnungs- und Verantwortungsschema passt. Denn eigentlich dürfen Klinikärzte nicht außer Haus behandeln. Nur an vier Orten in Deutschland existieren mit Tübingen vergleichbare Modellprojekte für schwerkranke Patienten: Hier können Klinikärzte mit spezieller Erfahrung Patienten auch zu Hause behandeln, sie sogar besuchen, wenn dies erforderlich ist. Mit ihrer besonderen Expertise ergänzen sie den Hausarzt, der bleibt nämlich weiterhin zuständig.
Kurt Kehle hat Glück, dass Walddorf-Häslach gerade noch im Einzugsgebiet des Tübinger Projekts liegt. Von diesem ambulanten Palliativpflegedienst (palliativ meint: Linderung von Schmerzen und anderen Beschwerden), dessen acht Krankenschwestern und -pfleger mit den Problemen schwerkranker und sterbender Patienten besonders erfahren sind, werden pro Jahr 200 Patienten begleitet. Dabei geht es nicht um ausgeklügelte letzte Therapieversuche, die Heilung versprechen. "Wir behandeln Herrn Kehle und nicht den Tumor", beschreibt Schlunk die Ausrichtung seiner Arbeit, bei der er dem Hausarzt beratend zur Seite steht. Schlunk ist angewiesen auf speziell qualifizierte Pflegekräfte, die die schwerkranken Patienten engmaschig zu Hause versorgen und ihn rasch informieren, wenn neue Probleme auftreten.
Für Kehles Lebensgefährtin bedeutet diese sich ergänzende Zusammenarbeit von Pflegedienst, Haus- und Klinikarzt die Gewissheit, mit der Pflege auch in schwierigen Siatuationen nicht allein zu sein. Das nimmt den Druck und die schier übermenschliche Verantwortung, die auf pflegenden Angehörigen lasten.
Waltraud Ziegler weiß, dass "Brückenarzt" und Krankenschwestern immer wieder genau ausloten, welche Mischung aus schmerzstillenden und übelkeitsdämmenden Medikamenten die Spritzenpumpe an Kurt Kehles Körper abgeben soll. Wenn es ganz schlimm kommt, kann der Kranke sich selbst eine Zusatzdosis verabreichen. Einmal am Tag wechselt eine Krankenschwester die Nadel am Bauch, alle drei Tage das Schmerzpflaster. Und auch wenn sich Kehles Zustand mitten in der Nacht verschlechtert, hat seine Lebensgefährtin eine Telefonnummer, die sie jederzeit anrufen kann. Ohne die permanente Angst vor der Einweisung ins Krankenhaus.

Text: Hilke Lorenz

 

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