| Die meisten
Menschen wollen ihre letzte Lebensphase nicht im Krankenhaus, sondern
im Kreis der Familie - und das beschwerdefrei - zubringen. Das Tübinger
Projekt Häusliche Betreuung Schwer-kranker macht das möglich.
Kurt Kehle ist kein Mann dramatischer Selbstinszenierung.
Im Moment lebt er mit Flüssigkeitsinfusion und einer Spritzenpumpe,
die seinem Körper über eine am Bauch befestigte Injektionsnadel
kontinuierlich Medikamente zuführt. Sein Bett ist ein Pflegebett
und das Rumlaufen ist mühsam. Viel Aufhebens macht er darum
nicht. An manchen Tagen geht es ihm schlechter als an anderen. Basta.
Letzten Sommer war der 72-Jährige mit fünf seiner Enkel
zum Klettern in den Bergen. "Aber mehr als Aufpasser",
sagt er und winkt ab. Nicht zu hoch hängen, sagt die Geste.
Auch wenn es wahrscheinlich der letzte Familienurlaub dieser Art
war.
Die Fotografien, die im Hausflur hängen, zeugen von der Leidenschaft
Kehles für den Alpinsport. Im Sommer ist er auf die Berge gestiegen
oder geklettert, im Winter stand er auf der Piste. Oder hat lange
Jahre im französischen Al'pe de Huez organisiert, dass stündlich
Tausende von Touristen von der Talstation in die Berge transportiert
worden sind. Das hieß garstig früh um fünf Uhr anzufangen
und um 23 Uhr erst wieder aufzuhören. Von Dezember bis Mai.
Das brauchte den ganzen Mann.
Kehles Statur gibt noch heute einen Hinweis, dass er einer war,
der hingelangt hat, wenn es nötig war. Ein Macher, ein Umtriebiger,
der die Dinge nicht einfach treiben lässt, sondern selbst gerne
deren Lauf beeinflusst. Besonders, wenn es um sein Leben geht. Und
um dessen vielleicht letzte Phase.
Denn Kurt Kehle geht es nicht gut. Mittlerweile kostet es ihn schon
viel Kraft, im Sessel sitzend Besuch zu empfangen. Schweißperlen,
die von der Anstrengung zeugen, stehen ihm dann auf der Stirn. Aber
es ging ihm noch viel schlechter in den Wochen vor Weihnachten.
Immer wieder hat er in den letzten Jahren geglaubt, "dass die
Krankheit vorbei ist". Denn das Leben ist nicht gerecht, nimmt
keine Rücksicht auf die Lebensplanung des Einzelnen. Drei Tage
nachdem er in Rente gegangen war, bekam Kehle die Diagnose: Krebs.
Er richtete sein Leben danach - und gab ein bisschen Hoheit über
das eigene Sein auf. Kurt Kehle versuchte, sich durch sein Engagement
beim Deutschen Alpenverein mit anderen Gedanken und Aktivitäten
abzulenken. Ließ Hormon- und Chemotherapie sowie komplizierte
Operationen über sich ergehen, fasste immer wieder Mut und
fand sich letzten Dezember doch im Krankenhaus wieder. Obwohl "daheim
zu sein das Allerwichtigste ist". Heißt das doch, Herr
über das eigene Leben zu sein.
Doch seine Lebensgefährtin war Ende letzten Jahres in heller
Sorge um ihn: "Er konnte kein Essen und keine Flüssigkeit
bei sich behalten. Ich hatte Angst, dass er verhungert", sagt
Waltraud Ziegler. Sie wusste sich nicht anders zu helfen, als Kehle
zum Gang in die Klinik zu überreden. Im Tübinger Paul-Lechler-Krankenhaus,
wo man sich seit den 70er Jahren vieler Patienten mit fortgeschrittenen
Tumorerkrankungen annimmt, linderte man seine Schmerzen und bekämpfte
die Übelkeit. Und gleichzeitig erfüllte man ihm kurz vor
Weihnachten auch seinen dringendsten Wunsch, den, wieder zu Hause
zu sein.
"Daheim ist halt daheim", sagt Kehle vom Ohrensessel und
erzählt, während West-Highlander Struppie zu seinen Füßen
schnarcht, von den kleinen Etappensiegen über das vermeintlich
Unmögliche. Zum Beispiel, dass er jetzt jeden Morgen wieder
zwei Brezeln essen könne und dazu Kaffee trinke. Das kann man
als Nebensächlichkeit abtun. Man kann es aber auch als ein
wichtiges Stückchen Freiheit und Lebensfreude sehen, das Kurt
Kehle seiner Krankheit abgetrotzt hat.
Einer seiner Helfer dabei ist der Internist Thomas Schlunk. Er ist
Oberarzt am Paul-Lechler-Krankenhaus und beratender Arzt des Tübinger
Projekts "Häusliche Betreuung Schwerkranker". Seit
1991 gibt es diese Einrichtung, die zusammenführt, was nicht
so recht in ein Abrechnungs- und Verantwortungsschema passt. Denn
eigentlich dürfen Klinikärzte nicht außer Haus behandeln.
Nur an vier Orten in Deutschland existieren mit Tübingen vergleichbare
Modellprojekte für schwerkranke Patienten: Hier können
Klinikärzte mit spezieller Erfahrung Patienten auch zu Hause
behandeln, sie sogar besuchen, wenn dies erforderlich ist. Mit ihrer
besonderen Expertise ergänzen sie den Hausarzt, der bleibt
nämlich weiterhin zuständig.
Kurt Kehle hat Glück, dass Walddorf-Häslach gerade noch
im Einzugsgebiet des Tübinger Projekts liegt. Von diesem ambulanten
Palliativpflegedienst (palliativ meint: Linderung von Schmerzen
und anderen Beschwerden), dessen acht Krankenschwestern und -pfleger
mit den Problemen schwerkranker und sterbender Patienten besonders
erfahren sind, werden pro Jahr 200 Patienten begleitet. Dabei geht
es nicht um ausgeklügelte letzte Therapieversuche, die Heilung
versprechen. "Wir behandeln Herrn Kehle und nicht den Tumor",
beschreibt Schlunk die Ausrichtung seiner Arbeit, bei der er dem
Hausarzt beratend zur Seite steht. Schlunk ist angewiesen auf speziell
qualifizierte Pflegekräfte, die die schwerkranken Patienten
engmaschig zu Hause versorgen und ihn rasch informieren, wenn neue
Probleme auftreten.
Für Kehles Lebensgefährtin bedeutet diese sich ergänzende
Zusammenarbeit von Pflegedienst, Haus- und Klinikarzt die Gewissheit,
mit der Pflege auch in schwierigen Siatuationen nicht allein zu
sein. Das nimmt den Druck und die schier übermenschliche Verantwortung,
die auf pflegenden Angehörigen lasten.
Waltraud Ziegler weiß, dass "Brückenarzt" und
Krankenschwestern immer wieder genau ausloten, welche Mischung aus
schmerzstillenden und übelkeitsdämmenden Medikamenten
die Spritzenpumpe an Kurt Kehles Körper abgeben soll. Wenn
es ganz schlimm kommt, kann der Kranke sich selbst eine Zusatzdosis
verabreichen. Einmal am Tag wechselt eine Krankenschwester die Nadel
am Bauch, alle drei Tage das Schmerzpflaster. Und auch wenn sich
Kehles Zustand mitten in der Nacht verschlechtert, hat seine Lebensgefährtin
eine Telefonnummer, die sie jederzeit anrufen kann. Ohne die permanente
Angst vor der Einweisung ins Krankenhaus.
Text: Hilke Lorenz
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